AUSSIEDLER

 

Inhaltsverzeichnis 

1. Was verbindet Aussiedlerdeutsche und Deutsche?oder Wie kamen die ersten Deutschen nach Russland?
1.1. Die Anfänge der Deutschen in Russland(vor ca. 3oo Jahr.)
1.2. Das Manifest( = die Bekanntmachung) der Zarin ( vor ca. 240 Jahren)
1.3. Der Zug der Schwaben ans Schwarze Meer
1.4. Warum gingen die Menschen gerade nach Russland?
1.5.   3.536 deutsche Kolonien
1.6. Kirche und Schule vor 1917
 
2. Gute Zeiten – schlechte Zeiten, das Blatt wendet sich
2.1. Das Sprachproblem „Deutsch“ (fast alle => dreiviertel => die Hälfte ?)
2.2. Russlanddeutsche und die Weltkriege
2.3. Der II. Weltkrieg als Höhepunkt des Leidensweges
2.4. Die sogenannte „Trudarmee“  (Arbeitsarmee)
2.5. Und nach dem Krieg?
2.6.Rehabilitation und Familienzusammenführung
2.7. Die gegenwärtige Lage in der GUS
 
3. Was können wir tun? Hilfe für Bleibende – Integration An-Kommender
3.1. Die Bundesregierung verbessert die Situation in den Herkunftsländern
3.2. Integrationsprobleme
3.3. Mut zur Integration
3.4. Integrationspolitik der Bundesregierung
3.5. Wer kommt zu uns ?
3.6. Eingliederungshilfen
3.7. Wie kann die Integration gelingen?

 

1. Was verbindet Aussiedlerdeutsche und Deutsche?oder

 Wie kamen die ersten Deutschen nach Russland?

Trotz ca. 2 Mio. russlanddeutscher Aussiedler, die seit  dem Ende der 80er Jahre zu uns kamen und zu unseren Nachbarn wurden,  gibt es auch heute noch sehr viele „Eingesessene“, die nicht wissen, wie diese Menschen überhaupt nach Russland oder nach Kasachstan kamen! Was veranlasste sie außerdem, nun zurückzukehren? In Deutschland  sind sie Fremde, belegt mit vielen Vorurteilen, die nur dann in die Schlagzeilen kommen, wenn sie negativ aufgefallen sind.   Doch wie sind diese Deutschen tatsächlich in die Weiten Russlands gekommen?                        Das ist eine sehr lange Geschichte mit einem tragischen Schlussakt, der am 22.Juni 1941 mit der Ausweitung des Zweiten Weltkrieges durch Hitler auf das Gebiet der Sowjetunion begann. Dieser Krieg fügte Russland und Deutschland entsetzliche Wunden zu, der deutschen Minderheit in der Sowjetunion aber, die ohne eigenes Zutun zwischen die Mühlsteine der beiden Mächte geraten war, versetzte sie einen besonders schweren Stoß, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.
Die Geschichte der Deutschen in Russland ist aber nicht nur  60 Jahre alt, sondern wesentlich älter.

1.1. Die Anfänge der Deutschen in Russland(vor ca. 3oo Jahr.)

Schon lange vor der planmäßigen Ansiedlung deutscher Bauern gab es in Russland Deutsche. Bereits im ausgehenden Mittelalter, um 1550, wurden vermehrt Fachleute ins Land geholt (Handwerker, Baumeister, Ärzte, Offiziere, und andere), in Moskau entstand eine deutsche Vorstadt, in der sich Peter der Große als Kind gerne aufhielt.                  In die Regierungszeit Peters des Großen (1682-1725) fällt nach vorherrschender Auffassung die erste Einwanderungswelle aus Deutschland nach Russland.
Die ersten Einwanderer ließen sich zum größten Teil in den Städten nieder, wo sie bis ins 20. Jahrhundert hinein zur Elite der Gesellschaft zählten und vielfach ihre Bindungen zum Mutterland Deutschland aufrecht erhalten konnten. Die russische Oberschicht profitierte ihrerseits ebenfalls von diesen Kontaktmöglichkeiten.

1.2. Das Manifest( = die Bekanntmachung) der Zarin ( vor ca. 240 Jahren)

Die zweite Einwanderungswelle fand unter der Herrschaft der als deutsche Prinzessin geborenen  Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst statt, die von 1762 bis 1796 als Katharina II. (die Große) als Zarin über Russland regierte. Genauer gesagt gab es unter der Herrschaft Katharinas II. zwei große Einwanderungswellen:
der Zug an die Wolga ab 1764 und der Zug der Mennoniten an den Dnjepr ab 1789.
Nach ihrem bedeutenden Manifest vom 22. Juli 1763 begann die Masseneinreise jener Deutschen, deren Nachkommen nun seit 1989 Jahr für Jahr zu Hunderttausenden nach Deutschland zurückkehren.
Doch während ihre Vorfahren damals an die Wolga oder nach Sankt Petersburg und später in die Ukraine zogen, kommen sie heute als Aussiedler vor allem aus den Vertreibungsgebieten in Sibirien, Kasachstan und Mittelasien. Warum und wann diese Vertreibung stattfand, soll nachfolgend noch erklärt werden.
                                               

Die Angebote der Zarin in ihrem Manifest waren verlockend:

1. "Verstatten Wir allen Ausländern in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen." 

2. "Gestatten Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverbindlich die freie Religionsausübung nach ihren kirchlichen Satzungen und Gebräuchen."

3. "Soll keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Russland gekommenen Ausländer an Unsere Cassa die geringsten Abgaben entrichten und weder gewöhnliche noch außergewöhnliche Dienste zu leisten gezwungen seyn."
(Wer sich in unbebauter Gegend niederließ, genoss30 steuerfreie Jahre, sonst fünf bis zehn Jahre.)

4. "Solche in Russland sich niedergelassene Ausländer sollen während der ganzen Zeit ihres Hierseyns wider Willen weder in Militär noch in Zivildienst genommen werden.
(Im Unterschied zu den Bauern in Deutschland und Russland waren die Kolonisten keine Leibeigenen, sondern Freie. In Preußen wurde die Leibeigenschaft 1794 abgeschafft, in Russland 1861.)

 1.3. Der Zug der Schwaben ans Schwarze Meer

Die dritte Einwanderungswelle folgte zur Zeit des russischen Zaren Alexander I. von 1801 bis 1825.  Die Mehrzahl der Auswanderer kam aus Württemberg. Ihr Weg führte im Normalfall über Polen und Podolien auf dem Landweg oder mit Booten auf der Donau über Ulm ("Ulmer Schachteln") nach  Bessarabien, in die Ukraine, in den Kaukasus oder auf die Krim.  

Dort gab es fruchtbare Landstriche, die nur kultiviert werden mussten. Dafür waren die Einwanderer, die von ihren neuen Nachbarn einfach als Schwaben gesehen wurden, obwohl bei weitem nicht alle aus Württemberg stammten, die richtigen Menschen. Bereits 1810 zählten die beiden Bezirke Taurien und Cherson im ukrainischen Schwarzmeerraum 74 deutsche Siedlungen.
Die Siedler gaben ihren Kolonien oft die Namen ihrer Heimatorte wie Darmstadt, Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Basel, Straßburg, Selz, Kandel oder Mariental.

Insgesamt wurden im Schwarzmeergebiet, in Bessarabien und im Südkaukasus 181 deutsche Mutterkolonien gegründet, die von ihren Bewohnern im Zuge der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1943-1945 verlassen werden mussten.

1.4. Warum gingen die Menschen gerade nach Russland?

Für Russland sprachen  die Verlockungen des Manifestes von Katharina II. und außerdem:

1. die Gewährung der freien Religionsausübung;
2. die Befreiung von Steuern für die ersten zehn Jahre;
3. zinslose Darlehen;
4. Befreiung vom Militärdienst "auf ewige Zeiten";
5. die Gewährung einer eigenen Gemeinde- und Selbstverwaltung;
6. die unentgeltliche Zuwendung von 30 und mehr Hektar Land für jede Familie.

Derartige Vergünstigungen bot nicht einmal Amerika, wohin zur gleichen Zeit ebenfalls viele Deutsche auswanderten. Gegen einen Verbleib in Deutschland in unruhigen Zeiten sprachen:

1. Politische Gründe:  v.a. Siebenjähriger Krieg (1756-1763), Folgen der Napoleonischen Kriege im Südwesten      Deutschlands
2. Wirtschaftliche Gründe:  Missernten, Hunger, hohe Steuern und Landmangel, Unfreiheit
3. Religiöse Gründe: Ausreise aus Württemberg,  Mennoniten lehnten Wehrdienst ab!    

4. Persönliche Bindungen: z.B.  Briefe von Verwandten, die bereits ausgewandert waren.

 1.5.   3.536 deutsche Kolonien

Am Anfang entstanden in den ersten deutschen Siedlungsgebieten der Deutschen an der Wolga, am Schwarzen Meer und in anderen Regionen des zaristischen Russlands 304 so genannte Mutterkolonien. Der Kinderreichtum und die Möglichkeit, Land zu kaufen, führten zur Gründung von Tochterkolonien.
 
Die Mutterkolonien und die Tochterkolonien haben jedoch wenig mit dem Wohnorten der Russlanddeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun, in dessen Verlauf sie aus dem europäischen in den asiatischen Teil der Sowjetunion zwangsumgesiedelt wurden.

Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sich insgesamt 304 Mutterkolonien und 3.232 Tochterkolonien gebildet. Aus 100.000 Russlanddeutschen waren in 150 Jahren (1764-1914) 1.700.000 geworden.
Sie hatten sich etwas stärker als das russische Staatsvolk und erheblich stärker als die Deutschen in Deutschland vermehrt.
Auf 1.000 deutsche Bewohner kamen im europäischen Russland jährlich 43,8 Geburten, in der Ukraine sogar 47,3. Die russischen  Staatsvölker verzeichneten zur gleichen Zeit in Russland 38,9 Geburten auf 1.000 Einwohner, in der Ukraine 40,3 und in Deutschland nur 19,0.
Bei allen Russlanddeutschen entwickelte sich im Laufe ihrer Geschichte ein gut ausgeprägtes lokales Heimatbewusstsein.
"Wir sind die Deutschen von der Wolga (... vom Schwarzen  Meer, ... Mennoniten,... Wolhynier, ... Kaukasusdeutschen, ... Deutschen von der Krim)!"
 Das wurde erst durch das gemeinsame Schicksal aller Russlanddeutschen im Zweiten Weltkrieg anders, und heutige Aussiedler, insbesondere die jüngeren, halten nicht mehr viel von dieser Gruppeneinteilung, zumal sie ja nicht nur untereinander, sondern zunehmend auch mit Angehörigen anderer Völker verheiratet oder verschwägert sind.  Zu jeder Zeit wollten die deutschen Kolonisten in Russland Deutsche bleiben. Deshalb legten sie von Anfang an großen Wert darauf, ihren Glauben, ihre Muttersprache und ihre Traditionen sorgsam zu pflegen, weiterzuentwickeln und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. So konnten sie über  zwei Jahrhunderte lang ihre deutschnationale Identität bewahren. Das wurde erst in den Jahren nach dem II. Weltkrieg durch die Verstreuung der Russlanddeutschen über das riesige Land  nahezu unmöglich gemacht.

1.6. Kirche und Schule vor 1917

Viele Deutsche waren im 18. und 19. Jahrhundert aus religiösen Gründen nach Russland ausgewandert.   So ist   es nicht verwunderlich, dass das religiöse Leben in den deutschen Siedlungen stark ausgeprägt war.
Da die russische Regierung ihnen religiöse Freiheit gewährte, sofern sie nicht unter den Orthodoxen missionierten, waren die Russlanddeutschen bereit, für den Bau ihrer Kirchen große Opfer zu bringen. Die Kirchen mussten aus eigenen Mitteln erbaut werden. Als Baumaterial verwendete man je nach Verfügbarkeit Holz, Muschelkalk oder in eigenen Ziegeleien gebrannte Ziegel.

Der zweite Eckpfeiler zur Erhaltung der deutschen Identität in Russland war die Schule. In jeder deutschen Siedlung gab es eine Schule, in der bis 1891 Deutsch Unterrichtssprache war. Zu dieser Zeit war allerdings die Russifizierung bereits voll im Gange und die russische Sprache auch in deutschen Schulen durch den Druck von vielen Seiten auf dem Vormarsch.
Deutsche Schulen zeichneten sich vielerorts durch eine prächtige Architektur aus, die den Wohlstand der deutschen Siedler widerspiegelte.
Die im 19. Jahrhundert gegründeten Zentralschulen hatten es sich im Wesentlichen zur Aufgabe gemacht, Lehrer, Kaufleute und Dorfschreiber auszubilden. In diesen Schulen wurde großer Wert auf das Erlernen der deutschen Sprache gelegt, aber auch der Bedeutung des Russischen im Zarenreich Rechnung getragen.
Besondere Verdienste erwarben sich die deutschen Schulen in St. Petersburg, Moskau und Odessa, die auch von nichtdeutschen Kindern besucht wurden. Das Analphabetentum wurde bei den Russlanddeutschen konsequenter als bei anderen Völkern Russlands bekämpft, so dass beispielsweise sowjetische Zeitungen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts melden konnten, die ASSR der Wolgadeutschen habe als erste Sowjetrepublik das Analphabetentum zu 100 Prozent beseitigt.

 

2. Gute Zeiten – schlechte Zeiten, das Blatt wendet sich

2.1. Das Sprachproblem „Deutsch“ (fast alle      

=> dreiviertel

      => die Hälfte ?)

Gaben bei der amtlichen Volkszählung in der UdSSR  1926 noch 95 Prozent der Russlanddeutschen Deutsch als Muttersprache an,   so waren es 1959 gerade einmal  75 Prozent  und 1989 nur noch  48,7 Prozent.             Was war mit der Sprache passiert? Die deutsche Muttersprache durfte nach dem II. Weltkrieg von den Russlanddeutschen zeitweilig nur noch innerhalb der Familie gepflegt werden. Außerdem wurde der Gebrauch der deutschen Sprache durch die Zunahme gemischtnationaler Ehen auch innerhalb der Familien zurückgedrängt.

Im Jahr 2002 sind mangelnde deutsche Sprachkenntnisse das größte Hindernis für eine Aufnahme in Deutschland. Denn deutsche Volkszugehörigkeit im Sinne des deutschen Rechts, die die Aufnahme als Spätaussiedler ermöglicht, setzt voraus, dass bereits in der Familie deutsche Sprachkenntnisse erworben wurden. Diese müssen ausreichen, dass der  Betroffene noch zur Zeit der Ausreise auf  Deutsch bzw. in einem russland- deutschen Dialekt über Sachverhalte des täglichen Lebens ein Gespräch in zusammenhängenden Sätzen führen kann.
 

2.2. Russlanddeutsche und die Weltkriege

Obwohl etwa 300.000 Russlanddeutsche  in der zaristischen Armee dienten, erreichte der Hass gegen alles Deutsche in Russland bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen Höhepunkt.                                                              In der Öffentlichkeit durfte nur noch hinter vorgehaltener Hand deutsch gesprochen werden, Predigten in deutscher Sprache wurden verboten. In der Schule wurde Deutsch zur feindlichen Fremdsprache, öffentlich durften sich nicht mehr als drei Deutsche versammeln, usw..
In Moskau entlud sich die Hetze am 27. Mai 1915 in einem Pogrom gegen Deutsche. Drei Deutsche wurden ermordet, deutsche Geschäfte geplündert.
Schlimm wirkten sich auch die so genannten Liquidationsgesetze vom 2. Februar und 13. Dezember 1915 aus. Sie bestimmten, das in einem Streifen von 150 Kilometern östlich der russischen Westgrenze und am Schwarzen Meer allen Deutschen das unbewegliche Vermögen zu enteignen sei und die Deutschen aus dieser Zone auszusiedeln seien. Durchgeführt wurden die Gesetze bis zur bürgerlichen Februarrevolution im März 1917 allerdings nur in Wolhynien. Rund 150.000 Wolhyniendeutsche mussten den Weg in den Osten, also Richtung Sibirien antreten,  der sie bis nach Perm an der Kama und Taschkent in Mittelasien führte.

2.3. Der II. Weltkrieg als Höhepunkt des Leidensweges

Weitaus verhängnisvoller als der Erste Weltkrieg war für die Russlanddeutschen jedoch der Zweite Weltkrieg, durch den der deutschen Minderheit unter den vielen Völkern der Sowjetunion der Todesstoß versetzt wurde.

Zu den "ungeliebten" Völkern der damaligen Sowjetunion zählten die Russlanddeutschen spätestens seit dem Feldzug Hitlers gegen die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 unter dem Decknamen "Barbarossa" begann.
Das größte Problem der Deutschen in Russland war spätestens seit 1937 die Trennung der Familien.

Vater, Bruder und erwachsene Söhne waren von den Organen des sog  „Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten“ bei Nacht und Nebel abgeholt worden und nicht mehr zurückgekehrt (über die unzähligen Opfer, die das Stalin-Regime bereits in den Jahren 1937 und 1938 forderte berichtet ausführlich das Ende 2002 erscheinende Heimatbuch der Landsmannschaft der Russlanddeutschen).
Bis zum 28. August 1941 hatten Hitlers Truppen bereits den Teil der Sowjetunion überrollt, in dem ein Viertel aller Russlanddeutschen lebten.

 Deren anschließendes Schicksal war:

Dieses gemeinsame Schicksal aber bedeutete Meldepflicht bei der Kommandantur, Zwangsarbeit und   meist den Tod.

2.4. Die sogenannte „Trudarmee“  (Arbeitsarmee)

Nach dem Willen des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August 1941 wurden 376.717 Wolgadeutsche "ganz legal" in Güter- und Viehwaggons verfrachtet und nach Sibiren zwangsumgesiedelt. Schon zuvor waren zahlreiche Russlanddeutsche, die in kleineren geschlossenen Siedlungsgebieten lebten, ohne großes Aufsehen nach Sibirien, Kasachstan oder Mittelasien deportiert worden, allein  45.000 von der Krim.
Dort mussten zuerst die Männer zwischen 17 und 50 Jahren zur so genannten Trudarmee. Am 7. Oktober 1942 wurde mit dem Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees über die zusätzliche Mobilisierung deutscher Männer zwischen 16 und 55 Jahren sowie deutscher Frauen zwischen 16 und 45 Jahren (sofern sie nicht schwanger waren oder Kinder unter drei Jahren hatten) der Kreis der Trudarmisten erheblich erweitert. Auf Grund zahlreicher Berichte von Überlebenden ist davon auszugehen, dass diese Altersgrenzen oft nicht eingehalten wurden.
               "Trudarmee" heißt wörtlich übersetzt "Arbeitsarmee". In Wirklichkeit handelte es sich um Zwangsarbeitslager, die scharf bewacht wurden und oft von hohen Stacheldrahtzäunen umgeben waren. Die Verhältnisse, unter denen die Trudarmisten arbeiteten, glichen den Verhältnissen in Strafgefangenenlagern. Auf dem Weg zur Arbeit wurden die Männer und Frauen von Soldaten begleitet, die den strikten Befehl hatten, beim geringsten Verdacht sofort von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Im Lager herrschte eine völlige Willkür der Vorgesetzten aller Dienstgrade. Unter unwürdigen Bedingungen zusammengepfercht, starben die Trudarmisten massenweise vor Hunger, Kälte, Schwerstarbeit und Verzweiflung.

2.5. Und nach dem Krieg?


Viele Jahre lang wurde über die Russlanddeutschen weder in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern geschrieben noch in Reden und Sendungen von ihnen gesprochen. Obwohl sie zahlenmäßig unter den Völkern der Sowjetunion den 13. Platz einnahmen, wurden sie in der Sowjetischen Enzyklopädie 1964 nicht einmal erwähnt. Drei Monate nach dem Besuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer in Moskau im September 1955 wurde zwar die Kommandantur aufgehoben, die Russlanddeutschen mussten aber eine Erklärung unterschreiben, die ihnen verbot, in ihre Heimatorte zurückzukehren, und jeglichen Anspruch auf ihr konfisziertes Vermögen untersagte.
.
Unter den Deutschen in der Sowjetunion gab es ab 1955 zwei politische Bewegungen. Am Anfang standen Bemühungen, in die Heimatorte zurückkehren zu dürfen, und als diese Bemühungen nicht fruchteten, Ausreisebestrebungen nach Deutschland.
Das waren in der Regel Schwarzmeerdeutsche, die Verwandte in der Bundesrepublik Deutschland
(oder auch schon in Amerika) hatten. Organisierte Aktionen in diese Richtung blieben jedoch bis zur
Regierungszeit Gorbatschows in den 80er Jahren nicht ungefährlich.
Die zweite Bewegung war die Schiene der Autonomiebewegung, auf der hauptsächlich Russlanddeutsche fuhren, die keine Verwandten im Westen hatten und deshalb eine Heimat in der Sowjetunion suchten, am liebsten an der Wolga, was jedoch am entschiedenen "Njet!" aus den oberen, mittleren und unteren Etagen der sowjetischen Hierarchie immer wieder scheiterte.

 

2.6.Rehabilitation und Familienzusammenführung

Am 29. August 1964 verabschiedete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Beschluss über die Abänderung des eigenen Erlasses vom 28. August 1941 "Über die Umsiedlung der Wolgadeutschen". Dieser Beschluss nahm zwar von den Russlanddeutschen den Makel des Verrats, war jedoch nur eine formale Rehabilitierung.  Auch nach 1964 mussten die Russlanddeutschen in ihren Vertreibunggebieten bleiben.        Noch bis in die 80er Jahre lastete auf ihnen das moralische Erbe des deutschen Angriffskrieges und die Last der deutschen Kapitulation. Die wenigen Sendungen in deutscher Sprache in Rundfunk und Fernsehen hatten nach einem strengen prosowjetischen Ritual abzulaufen. Der muttersprachliche Unterricht schließlich konnte sich niemals von den Schwierigkeiten lösen, die durch fehlende Lehrer und Lehrbücher entstanden.  
Auf politischem Sektor hat die Bundesrepublik in den letzten 30 Jahren vor allem durch "stille" Diplomatie mehr getan, als bekannt wurde. Die Versuche, sich für die Russlanddeutschen in Russland einzusetzen, scheiterten aber bis Gorbatschows Glasnost und Perestrojka meistens an der sturen Position des Kremls, der keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Sowjetunion duldete. Die Ausreise wurde mit der Begründung gedrosselt, man brauche Russlanddeutsche dringend für den Aufbau, beispielsweise in Kasachstan. 
                                                                        In den Jahren 1973-1975 wurden in Moskau, Estland und Lettland Russlanddeutsche festgenommen, die für die Ausreise nach Deutschland demonstrierten.
In Karaganda (Kasachstan) wurde Erich Abel in einem Aufsehen erregenden Gerichtsprozess wegen seiner Beteiligung an einer Unterschriftenaktion für die Ausreise und anderer "illegaler" Tätigkeiten zu drei Jahren Haft verurteilt. Abel wurde zum bekanntesten Fall, und seine Schlussworte beim Prozess gingen in die Geschichte ein: "Ich, Erich Abel, fühle mich nicht schuldig. 29 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges ist die Zeit gekommen, die Grenzen zu öffnen. Ich werde mich immer für eine gerechte und freie Ausreise in die Bundesrepublik einsetzen."
Weniger bekannt wurden andere Verurteilungen zu hohen Gefängnisstrafen wegen Ausreisebemühungen.
Eine zweite Verhaftungswelle folgte in den 80er Jahren, vor dem Amtsantritt Gorbatschows.
Beim Deutschen Roten Kreuz stapelten sich die Ausreiseanträge zu Hunderttausenden. Wer die Erlaubnis zur Ausreise erhielt, war überglücklich. Für ihr Traumziel Deutschland setzten die Ausreisenden Vieles aufs Spiel: mit dem öffentlich geäußerten Ausreisewunsch begann für sie nämlich in den Jahren bis 1987 die Hölle: Arbeitsplatzverlust, Schikanen im Betrieb und in der Schule, Verbot, sich polizeilich an einem anderen Ort anzumelden, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, Diskriminierungen bei Behördengängen usw.
In den meisten Fällen wurden die Ausreisegesuche ohne Begründung abgelehnt.
Ausreisewillige waren den sowjetischen Behörden wehrlos ausgeliefert, obwohl sie sich auf sowjetische Gesetze, auf die Charta der Menschenrechte, auf die Beschlüsse von Helsinki und auf den von der UNO verabschiedeten und auch von der Sowjetunion unterschriebenen und ratifizierten "Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte" von 1966 berufen konnten.
.Manche wagten es, öffentlich gegen diese Willkür zu demonstrieren, sogar auf dem Roten Platz in Moskau vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wie am 31. März 1980 geschehen. Die Miliz führte die Demonstranten ab, die internationalen Medien nahmen es zur Kenntnis, aber die Lage blieb die gleiche.
Sie änderte sich erst mit dem Gesetz über die Neuregelung der Aus- und Einreise in der Sowjetunion vom 11. Januar 1987.
Zwar durften auch nach diesem Gesetz zunächst nur Verwandte ersten Grades im Zuge der  Familienzusammen- führung kommen, aber die Genehmigungspraxis wurde liberaler und großzügiger gehandhabt.

 

2.7. Die gegenwärtige Lage in der GUS

 "Zwar geht es den Russlanddeutschen durch die seit 1992 bestehende Zusammenarbeit der deutsch russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der russlanddeutschen Minderheit heute besser als früher, doch wirkt die Benachteiligung der Russlanddeutschen bis heute nach und an eine Rückkehr in eigene Häuser und Dörfer ist nicht zu denken.                                                                                                                                            Sie wandern aus. Warum?                                                                                                                    Eine einfache Beantwortung dieser Frage wäre:  "Um als Deutsche unter Deutschen leben zu können."                   Das ursprüngliche Ziel, dort wieder russlanddeutsche Siedlungen entstehen zu lassen, wo vor dem Krieg die meisten Deutschen gelebt hatten, ist nicht mehr realistisch. Es hat sich nämlich gezeigt, dass gerade in diesen Gebieten die Hindernisse für die ehemaligen Besitzer heute am größten sind. Im ehemalig wirtschaftlich blühenden Schwarzmeergebiet und anderen Gebieten werden die ehemaligen deutschen Dörferer längst von anderen Menschen bewohnt.
Bleibt für Russlanddeutsche also wirklich nur die Rückkehr nach Deutschland?
Aus dem asiatischen Teil der ehemaligen Sowjetunion wandern nicht nur Deutsche aus, sondern auch viele Angehörige anderer europäischer Völker. Das trifft in besonders starkem Maße auf Mittelasien und Kasachstan zu. Von dort wollen zwangsumgesiedelte Russen  nach Russland zurück und Ukrainer in die Ukraine- aber wohin mit den Deutschen, die man vor Jahrzehnten nicht ausreisen ließ., weil man sie brauchte, um Traktoren zu lenken, Kühe zu melken und Neuland zu erschließen?

3. Was können wir tun?  Hilfe für Bleibende – Integration An-Kommender

3.1. Die Bundesregierung verbessert die Situation in den Herkunftsländern

Heute leben in 22 der ehemaligen Ostblockstaaten  noch ca. 2 Mio. Angehörige deutscher Minderheiten.
Der größte Teil von ihnen lebt in der Russischen Föderation und in Polen, andere leben in großerer Zahl in Kasachstan, in Ungarn, in Rumänien und in der Tschechischen Republik.
Nach der politischen Wende in Osteuropa und der Sowjetunion 1989/90 hat sich die politische und rechtliche Situation der deutschen Minderheiten deutlich verbessert. Allerdings hat sich ihre Lage in Abhängigkeit von den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich entwickelt.        Die Deutschen in einigen europäischen Herkunftsstaaten leben in relativ stabilen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie beispielsweise in Polen, in Tschechien und in Ungarn, wo sie deswegen auch bleiben können und wollen.

Demgegenüber hält aus Russland und den übrigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wegen der bekannten schwierigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Aussiedlung an.  

  Die Bundesregierung unterstützt dort die deutschen Minderheiten seit 1998 mit verschiedenen gezielten Bleibehilfen, durch die sie in die Lage versetzt werden sollen, als eigenverantwortliche Staatsbürger ihres Landes an dessen Aufbau mitzuwirken und aktiv an den Bindungen zu Deutschland teilzuhaben. Die Maßnahmen sollen als "Hilfe zur Selbsthilfe" wirken und den Menschen unmittelbar  zugute kommen.
Die gemeinschaftsfördernden Maßnahmen des Bundesinnenministeriums beinhalten folgende wesentliche Elemente: Begegnungsstättenförderung, außerschulischer deutscher Sprachunterricht (in Russland und Kasachstan) und Förderung der Selbstorganisation der Deutschen.

 Ein wichtiges Feld der Hilfenpolitik besteht in der Forderung bestehender oder noch zu schaffender Städtepartnerschaften. Schon heute gibt es über 1.000 davon. Bei vielen liegt die Partnerstadt in Siedlungsgebieten deutscher Minderheiten, umgekehrt sind in vielen deutschen Kommunen zahlreiche Aussiedler heimisch geworden.

Z.B. Kasachstan: 
Kaschstan gehört neben der Russischen Föderation zu den Schwerpunkten der regionalen Förderung durch die Bundesregierung.
Trotz zahlreicher Meldungen über den Druck, dem alle Europäer dort ausgesetzt sind, unterstützt der "Rat der Deutschen in Kasachstan" mutig die Schaffung eines demokratischen kasachischen Staates, die Fortsetzung der Wirtschaftsreform und die Verteidigung der Freiheit und der Rechte seiner Bewohner.
Als Dank "von oben" wurde 1997 das Deutsche Haus in Almaty von der Regierung unterstützt; am 27. Juni 1999 und am 27. August 2000 wurden in der neuen Hauptstadt des Landes, Astana, bzw. in Pawlodar christliche Kirchen eingeweiht. Ein besonderer Höhepunkt im Leben der Deutschen in Kasachstan waren die Worte, die Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch im Jahr 2001 an sie richtete :

 

3.2. Integrationsprobleme

Trotz aller Bemühungen der Bundesregierung, Aussiedlern in ihren momentanen Heimatstaaten die Bedingungen zu erleichtern, ist der einzige Wunsch vieler von ihnen, endlich in die Bundesrepublick ausreisen zu dürfen. Zu sehr hängt ihnen die Zeit extremer Unterdrückung nach, eine Chancengleichheit erfahren sie bis heute nicht. Doch die Rückführung nach Deutschland bringt leider nicht nur Positives, sondern auch Negatives mit sich:                           Die Integration der Spätaussiedler ist trotz zurückgegangener Zuzugszahlen erheblich schwieriger geworden. Das hat verschiedene Ursachen:
- Die Deutschkenntnisse der heutigen Aussiedler sind geringer als früher.
- Der kulturelle Abstand zur einheimischen Bevölkerung ist wegen der zunehmenden Zahl gemischtnationaler       Familien aus Russland und Mittelasien größer geworden.
- Die Chancen, eine wunschgemäße Beschäftigung zu bekommen, haben sich angesichts der generellen    Probleme auf dem Arbeitsmarkt und in Teilbereichen unserer Wirtschaft eher verschlechtert.
- Wohngebiete mit besonders hohem Aussiedleranteil sind oftmals zu sozialen Brennpunkten geworden und erschweren die Integration.

3.3. Mut zur Integration

Integration ist keine einseitige Angelegenheit und auch kein Prozess von ein paar Jahren, eine vollständige Integration kann Jahrzehnte andauern und gelingt nur, wenn die Integration von beiden Seiten gewollt wird. Deutsche aus Russland wollen die Integration!
Darin liegt ein bedeutender Unterschied zwischen deutschen Spätaussiedlern und manchen nichtdeutschen Einwanderern. Die meisten russlanddeutschen Aussiedler brennen geradezu darauf, endlich gleichberechtigte Bürger zu werden und nicht nur Deutsche nach dem Buchstaben des Gesetzes zu sein. Dabei geraten sie in ein brisantes Spannungsfeld: Sie merken, dass ihre Akzeptanz bei der hiesigen Bevölkerung eher gesunken ist.

 

3.4. Integrationspolitik der Bundesregierung

Im März 2002 lautete der Grundtenor der deutschen Integrationspolitik wie folgt:
- Sprachförderung in Form von Sprachkursen.
- Soziale Beratung und Betreuung durch ein bundesweites Netz von Einrichtungen.  
                                            - Berufliche Integration. (Sofortprogramm der Bundesregierung zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit kommt auch jungen Aussiedlern zugute, die an diesem Programm teilhaben.)
- Gesellschaftliche Integration (durch zentrale Organisationen und Verbände).

 

Altersstruktur der Aussiedler (in Prozent)

 

Altersgruppe

 

bis unter 6                        

1997    

 

7,36%                 

1999    

 

6,85%                            

2001     

 

6,99%                    

Ges.-Bev. Ende 1998

 

5,80%

6 bis unter 18              

24,96%                

23,91%                          

22,11%                     

13,41%

18 bis unter 20              

 3,65%                 

 3,83%                           

 4,14%                       

2,24%

20 bis unter 25               

8,64%                  

9,53%                          

10,10%                       

5,45%

25 bis unter 45             

32,42%                

32,62%                           

32,35%                    

31,41%

45 bis unter 60             

12,11%               

12,59%                            

14,03%                    

19,32%

60 bis unter 65              

 3,57%                

 3,88%                             

3,99%                       

6,45%

65 und alter                   

7,28%                  

6,78%                             

6,29%                      

15,92%

                                                                                                                                                       Quelle: Bundesverwaltungsamt
Die nach Deutschland kommenden russlanddeutschen Aussiedler sind im Durchschnitt weitaus junger als die einheimische Bevölkerung.

 

3.5. Wer kommt zu uns ?

Rechtliche Positionen der Spätaussiedler

 Deutsche Volkszugehörige aus den Aussiedlungsgebieten können dann in Deutschland aufgenommen werden, wenn sie nach einem Verfahren beim Bundesverwaltungsamt als Spätaussiedler anerkannt werden. Die rechtlichen Voraussetzungen sollen an dieser Stelle kurz dargestellt werden, da es oft zu Irrtümern kommt.

Deutsche Volkszugehörigkeit setzt für vor dem 31. Dezember 1923 geborene Personen voraus, dass sie sich in ihrer Heimat zum deutschen Volkstum bekannt haben und dass dieses Bekenntnis durch Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung oder Kultur bestätigt wird.
Wer nach dem 31. Dezember 1923 geboren ist, ist nur dann deutscher Volkszugehöriger im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes, wenn er von einem deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen abstammt. Außerdem wird überprüft, dass der Betroffene noch zur Zeit der Aussiedlung in der Lage ist, zumindest ein einfaches Gespräch auf Deutsch zu führen.
Sind die gesetzlichen Voraussetzungen für die Aufnahme als Spataussiedler erfüllt, wird im Aufnahmeverfahren ein Aufnahmebescheid erteilt.
 
Ehegatten und Abkömmlinge von Spataussiedlerbewerbern können in deren Aufnahmebescheid einbezogen werden. Mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes (1.1.2003) ist eine Aufnahme durch Einbeziehung außerdem nur noch dann zulässig, wenn die einzubeziehende Person ausreichende deutsche Sprachkenntnisse besitzt. (Von denjenigen, die keine ausreichenden Deutschkenntnisse nachweisen, können im Ergebnis nur noch die Ehegatten und die minderjährigen ledigen Kinder von Spataussiedlern - nach Ausländerrecht - nach Deutschland kommen.)

Als immer größeres Hindernis  bei der Ausreise erweisen sich die für Spätaussiedler obligatorischen Sprachtests der Bundesregierung, was durch die nachstehende Tabelle deutlich belegt wird:

                    Ergebnisse der Sprachtests für Spataussiedler (1996-2001)

Jahr                            bestandene  Sprachtests                     nicht bestandene Sprachtests

1996/97                        33.511 = 64,10%                                    18.771 = 35,90%
1998                            30.064 = 58,25%                                     21.544 = 41,75%
1999                            10.297 = 52,06%                                      9.482 = 47,94%
2000                            14.977 = 46,46%                                     17.259 = 53,54%
2001                            19.102 = 46,15%                                     22.285 = 53,85%

                                                                                             Quelle: Bundesverwaltungsamt

 

3.6.  Eingliederungshilfen

Die Spätaussiedler aus der ehemaligen UdSSR und ihre rechtmäßig mit einreisenden Angehörigen erhalten nach der Einreise in der Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes in Friedland einen Pauschalbetrag von 102 € zur Erstattung ihrer Reisekosten (Rückführungskostenpauschale) und ein Betreuungsgeld in Höhe von 11 € für ihre ersten notwendigen Auslagen.

Anspruch auf Eingliederungshilfen  nach dem Bundesvertriebenengesetz in Höhe von 2.045,17 € (bis zum Jahr 2001 4.000 DM),bzw. in Höhe von 3.067,75 € (bis zum Jahr 2001 6.000 DM) für vor dem 1. Januar 1946 Geborene haben nur Spätaussiedler aus dem Bereich der ehemaligen UdSSR, die vor dem 1. April 1956 geboren worden sind.Leistungen nach dem Fremdrentengesetz werden nur Spätaussiedlern, nicht jedoch deren Ehegatten oder Abkömmlingen gewährt.
Weitere Leistungen speziell für Spätaussiedler werden nicht gewährt. Sie erhalten etwaige soziale Hilfen, sei es beispielsweise bei der Wohnungsfürsorge oder beim Hausbau exakt unter den gleichen Voraussetzungen wie Einheimische.
Oder: Aussiedler profitieren im selben Umfang wie Einheimische von Beschäftigungsinitiativen vor Ort, zum Beispiel dem Sofortprogramm der Bundesregierung zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit.

Eine Bevorzugung der Spätaussiedler gegenüber der einheimischen Bevölkerung gibt es daher nicht.

Wenn man darüber hinaus bedenkt, dass Spätaussiedler zu uns kommen, die weder Immobilien- und sonstige Besitze mitbringen können, noch größere Geldbeträge bei der Abreise  ausführen dürfen, wird deutlich, dass diese Menschen einen arbeitssamen und mutigen Start ohne große Starthilfen nicht scheuen! Großer Fleiß und extrem ausge-prägter Familien- und Nachbarschaftssinn machen ihnen indes Bauvorhaben mit normalen Bankkrediten möglich. Ein Blick auf die Sozialversicherungsbilanz beweist außerdem, dass alle eingebürgerten Aussiedler von 1995-2000   49,6 Milliarden DM mehr eingezahlt, als sie daraus entnommen haben.

 

 

3.7. Wie kann die Integration gelingen?

 Dr. Herbert Wiens hielt 1994 als Vorsitzender des Kulturrates der Deutschen aus Russland in Augsburg vor überwiegend jungen deutschen Aussiedlern im Berufsbildungszentrum einen Vortrag mit zehn „goldenen Regeln“ für die berufliche und gesellschaftliche Integration der Aussiedler. Diese sollen von Aussiedlern angepackt und sollten von „Alteingesessenen“  allerdings auch erst ermöglicht werden (z.B. Eingliederung in Vereine!): 

1.      Die deutsche Sprache muss in kürzester Zeit in Wort und Schrift gut beherrscht werden!

2.      Das Berufsleben erfordert eine Fachsprache, die auch beherrscht werden muss!   

3.      Man muss bereit sein, zunächst in einem verwandten Beruf unterhalb der eigenen Qualifikation einzusteigen!

4.      Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sollten so gut es geht genutzt werden!

5.      Man sollte sich gründlich über die wirtschaftliche und politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland informieren.

6.      Weiterkommen in der neuen Heimat erfordert Kreativität und Flexibilität!

7.      Man sollte sich in demokratische Institutionen und Organisationen einbringen, z.B. kirchliche Organisationen, Elternvertretungen in Schulen und Kindergärten, Sportvereine und vor allem auch Musik- und andere Kulturvereine.

8.      Aktive Teilnahme an Heimatfesten, Tanzveranstaltungen, Vorträgen und Wanderungen.

9.      Keine Verleugnung der Volksgruppenzugehörigkeit, sondern Mut zur Aufklärung über den „Schicksalsweg“ der Aussiedlerdeutschen.

10.   Bei Diskussionen auch in aller Ruhe die Argumente der Atbürger anhören und Verständnis für deren Probleme     

      bzw. Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft bei der Aufnahme von mehr als 200 000 Deutschen aus dem Osten pro Jahr zeigen.  (Diese Zahl stammt aus dem Jahr 1994, kurz nach dem Umbruch. Inzwischen sind die Aussiedlerzahlen kontinuierlich zurückgegangen!)

 

 

Quellenangabe:

1.      Volk auf dem Weg: Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1763-1986,

   Kulturrat der Deutschen aus Russland, Stuttgart, 1986

2.      „Die Zone der totalen Ruhe“, Kurzbericht,Willfried Böhm, über die gleichlautende Buchneuerscheinung:

   „Zone der totalen Ruhe“. Die Russlanddeutschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, Gerhard Wolter, Waldemar Weber Verlag, Augsburg, 2003