AUSSIEDLER
Inhaltsverzeichnis
Trotz ca. 2 Mio. russlanddeutscher Aussiedler, die seit dem Ende der 80er Jahre zu uns kamen und zu
unseren Nachbarn wurden, gibt es auch
heute noch sehr viele „Eingesessene“, die nicht wissen, wie diese Menschen
überhaupt nach Russland oder nach Kasachstan kamen! Was veranlasste sie
außerdem, nun zurückzukehren? In Deutschland
sind sie Fremde, belegt mit vielen Vorurteilen, die nur dann in die
Schlagzeilen kommen, wenn sie negativ aufgefallen sind. Doch wie sind diese Deutschen tatsächlich in
die Weiten Russlands gekommen?
Das ist eine sehr
lange Geschichte mit einem tragischen Schlussakt, der am 22.Juni 1941 mit der
Ausweitung des Zweiten Weltkrieges durch Hitler auf das Gebiet der Sowjetunion
begann. Dieser Krieg fügte Russland und Deutschland entsetzliche Wunden zu, der
deutschen Minderheit in der Sowjetunion aber, die ohne eigenes Zutun zwischen
die Mühlsteine der beiden Mächte geraten war, versetzte sie einen besonders
schweren Stoß, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.
Die Geschichte der Deutschen in Russland ist aber nicht nur 60 Jahre alt, sondern wesentlich älter.
Schon lange vor
der planmäßigen Ansiedlung deutscher Bauern gab es in Russland Deutsche. Bereits
im ausgehenden Mittelalter, um 1550, wurden vermehrt Fachleute ins Land geholt
(Handwerker, Baumeister, Ärzte, Offiziere, und andere), in Moskau entstand eine
deutsche Vorstadt, in der sich Peter der Große als Kind gerne aufhielt.
In die
Regierungszeit Peters des Großen (1682-1725) fällt nach vorherrschender
Auffassung die erste Einwanderungswelle aus Deutschland nach Russland.
Die ersten Einwanderer ließen sich zum größten Teil in den Städten nieder, wo
sie bis ins 20. Jahrhundert hinein zur Elite der Gesellschaft zählten und
vielfach ihre Bindungen zum Mutterland Deutschland aufrecht erhalten
konnten. Die russische Oberschicht profitierte ihrerseits ebenfalls von diesen
Kontaktmöglichkeiten.
Die
zweite
Einwanderungswelle fand unter der Herrschaft der als deutsche Prinzessin geborenen Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst
statt, die von 1762 bis 1796 als Katharina II. (die Große) als Zarin über
Russland regierte. Genauer gesagt gab es unter der Herrschaft Katharinas II.
zwei große Einwanderungswellen:
der Zug an die Wolga ab 1764 und der Zug der Mennoniten an den Dnjepr ab 1789.
Nach ihrem bedeutenden Manifest vom 22. Juli 1763 begann die Masseneinreise
jener Deutschen, deren Nachkommen nun seit 1989 Jahr für Jahr zu
Hunderttausenden nach Deutschland zurückkehren.
Doch während ihre Vorfahren damals an die Wolga oder nach Sankt Petersburg und
später in die Ukraine zogen, kommen sie heute als Aussiedler vor allem aus den
Vertreibungsgebieten in Sibirien, Kasachstan und Mittelasien. Warum und wann
diese Vertreibung stattfand, soll nachfolgend noch erklärt werden.
Die Angebote der Zarin in ihrem Manifest waren verlockend:
1. "Verstatten Wir allen Ausländern in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen."
2. "Gestatten
Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverbindlich die freie
Religionsausübung nach ihren kirchlichen Satzungen und Gebräuchen."
3. "Soll
keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Russland gekommenen
Ausländer an Unsere Cassa die geringsten Abgaben entrichten und weder
gewöhnliche noch außergewöhnliche Dienste zu leisten gezwungen seyn."
(Wer sich in unbebauter Gegend niederließ, genoss30 steuerfreie Jahre, sonst
fünf bis zehn Jahre.)
4. "Solche in
Russland sich niedergelassene Ausländer sollen während der ganzen Zeit ihres
Hierseyns wider Willen weder in Militär noch in Zivildienst genommen werden.
(Im Unterschied zu den Bauern in Deutschland und Russland waren die Kolonisten
keine Leibeigenen, sondern Freie. In Preußen wurde die Leibeigenschaft 1794
abgeschafft, in Russland 1861.)
Die dritte Einwanderungswelle folgte zur Zeit des russischen Zaren Alexander I. von 1801 bis 1825. Die Mehrzahl der Auswanderer kam aus Württemberg. Ihr Weg führte im Normalfall über Polen und Podolien auf dem Landweg oder mit Booten auf der Donau über Ulm ("Ulmer Schachteln") nach Bessarabien, in die Ukraine, in den Kaukasus oder auf die Krim.
Dort gab es
fruchtbare Landstriche, die nur kultiviert werden mussten. Dafür waren die
Einwanderer, die von ihren neuen Nachbarn einfach als Schwaben gesehen wurden,
obwohl bei weitem nicht alle aus Württemberg stammten, die richtigen Menschen.
Bereits 1810 zählten die beiden Bezirke Taurien und Cherson im ukrainischen
Schwarzmeerraum 74 deutsche Siedlungen.
Die Siedler gaben ihren Kolonien oft die Namen ihrer Heimatorte wie Darmstadt,
Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Basel, Straßburg, Selz, Kandel oder Mariental.
Insgesamt wurden
im Schwarzmeergebiet, in Bessarabien und im Südkaukasus 181 deutsche
Mutterkolonien gegründet, die von ihren Bewohnern im Zuge der deutschen Niederlage
im Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1943-1945 verlassen werden mussten.
Für Russland
sprachen die Verlockungen des Manifestes
von Katharina II. und außerdem:
1. die Gewährung
der freien Religionsausübung;
2. die Befreiung von Steuern für die ersten zehn Jahre;
3. zinslose Darlehen;
4. Befreiung vom Militärdienst "auf ewige Zeiten";
5. die Gewährung einer eigenen Gemeinde- und Selbstverwaltung;
6. die unentgeltliche Zuwendung von 30 und mehr Hektar Land für jede Familie.
Derartige
Vergünstigungen bot nicht einmal Amerika, wohin zur gleichen Zeit ebenfalls
viele Deutsche auswanderten. Gegen einen Verbleib in Deutschland in unruhigen
Zeiten sprachen:
1. Politische
Gründe: v.a. Siebenjähriger Krieg (1756-1763),
Folgen der Napoleonischen Kriege im Südwesten Deutschlands
2. Wirtschaftliche Gründe: Missernten,
Hunger, hohe Steuern und Landmangel, Unfreiheit
3. Religiöse Gründe: Ausreise aus Württemberg, Mennoniten lehnten Wehrdienst ab!
4. Persönliche
Bindungen: z.B. Briefe von Verwandten,
die bereits ausgewandert waren.
Am Anfang
entstanden in den ersten deutschen Siedlungsgebieten der Deutschen an der
Wolga, am Schwarzen Meer und in anderen Regionen des zaristischen Russlands 304
so genannte Mutterkolonien. Der Kinderreichtum und die Möglichkeit, Land zu
kaufen, führten zur Gründung von Tochterkolonien.
Die Mutterkolonien und die Tochterkolonien haben jedoch wenig mit dem Wohnorten
der Russlanddeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun, in dessen Verlauf sie
aus dem europäischen in den asiatischen Teil der Sowjetunion zwangsumgesiedelt
wurden.
Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sich insgesamt 304 Mutterkolonien und 3.232
Tochterkolonien gebildet. Aus 100.000 Russlanddeutschen waren in 150 Jahren
(1764-1914) 1.700.000 geworden.
Sie hatten sich etwas stärker als das russische Staatsvolk und erheblich stärker
als die Deutschen in Deutschland vermehrt.
Auf 1.000 deutsche Bewohner kamen im europäischen Russland jährlich 43,8
Geburten, in der Ukraine sogar 47,3. Die russischen Staatsvölker verzeichneten zur gleichen Zeit
in Russland 38,9 Geburten auf 1.000 Einwohner, in der Ukraine 40,3 und in
Deutschland nur 19,0.
Bei allen Russlanddeutschen entwickelte sich im Laufe ihrer Geschichte ein gut
ausgeprägtes lokales Heimatbewusstsein.
"Wir sind die Deutschen von der Wolga (... vom Schwarzen Meer, ... Mennoniten,... Wolhynier, ...
Kaukasusdeutschen, ... Deutschen von der Krim)!"
Das wurde erst durch das gemeinsame Schicksal aller Russlanddeutschen im
Zweiten Weltkrieg anders, und heutige Aussiedler, insbesondere die jüngeren,
halten nicht mehr viel von dieser Gruppeneinteilung, zumal sie ja nicht nur
untereinander, sondern zunehmend auch mit Angehörigen anderer Völker
verheiratet oder verschwägert sind. Zu jeder Zeit wollten die deutschen Kolonisten in Russland Deutsche
bleiben. Deshalb legten sie von Anfang an großen Wert darauf, ihren Glauben,
ihre Muttersprache und ihre Traditionen sorgsam zu pflegen, weiterzuentwickeln
und an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. So konnten sie über zwei Jahrhunderte lang ihre deutschnationale
Identität bewahren. Das wurde erst in den Jahren nach dem II. Weltkrieg durch
die Verstreuung der Russlanddeutschen über das riesige Land nahezu unmöglich gemacht.
Viele Deutsche
waren im 18. und 19. Jahrhundert aus religiösen Gründen nach Russland
ausgewandert. So ist es nicht verwunderlich, dass das religiöse
Leben in den deutschen Siedlungen stark ausgeprägt war.
Da die russische Regierung ihnen religiöse Freiheit gewährte, sofern sie nicht
unter den Orthodoxen missionierten, waren die Russlanddeutschen bereit, für den
Bau ihrer Kirchen große Opfer zu bringen. Die Kirchen mussten aus eigenen
Mitteln erbaut werden. Als Baumaterial verwendete man je nach Verfügbarkeit
Holz, Muschelkalk oder in eigenen Ziegeleien gebrannte Ziegel.
Der zweite
Eckpfeiler zur Erhaltung der deutschen Identität in Russland war die Schule. In
jeder deutschen Siedlung gab es eine Schule, in der bis 1891 Deutsch
Unterrichtssprache war. Zu dieser Zeit war allerdings
die Russifizierung bereits voll im Gange und die russische Sprache auch in
deutschen Schulen durch den Druck von vielen Seiten auf dem Vormarsch.
Deutsche Schulen zeichneten sich vielerorts durch eine prächtige Architektur
aus, die den Wohlstand der deutschen Siedler widerspiegelte.
Die im 19. Jahrhundert gegründeten Zentralschulen hatten es sich im
Wesentlichen zur Aufgabe gemacht, Lehrer, Kaufleute und Dorfschreiber
auszubilden. In diesen Schulen wurde großer Wert auf das Erlernen der deutschen
Sprache gelegt, aber auch der Bedeutung des Russischen im Zarenreich Rechnung
getragen.
Besondere Verdienste erwarben sich die deutschen Schulen in St. Petersburg,
Moskau und Odessa, die auch von nichtdeutschen Kindern besucht wurden. Das Analphabetentum
wurde bei den Russlanddeutschen konsequenter als bei anderen Völkern Russlands
bekämpft, so dass beispielsweise sowjetische Zeitungen in den 30er Jahren des
20. Jahrhunderts melden konnten, die ASSR der Wolgadeutschen habe als erste
Sowjetrepublik das Analphabetentum zu 100 Prozent beseitigt.
Gaben bei der amtlichen Volkszählung in der UdSSR 1926 noch 95 Prozent der Russlanddeutschen
Deutsch als Muttersprache an, so waren es 1959 gerade einmal 75 Prozent und 1989 nur noch 48,7 Prozent.
Was war mit der Sprache passiert? Die deutsche Muttersprache durfte nach dem II.
Weltkrieg von den Russlanddeutschen zeitweilig nur noch innerhalb der Familie
gepflegt werden. Außerdem wurde der Gebrauch der deutschen Sprache durch die
Zunahme gemischtnationaler Ehen auch innerhalb der Familien zurückgedrängt.
Im Jahr 2002 sind
mangelnde deutsche Sprachkenntnisse das größte Hindernis für eine Aufnahme in
Deutschland. Denn deutsche Volkszugehörigkeit im Sinne des deutschen Rechts, die
die Aufnahme als Spätaussiedler ermöglicht, setzt voraus, dass bereits in der
Familie deutsche Sprachkenntnisse erworben wurden. Diese müssen ausreichen,
dass der Betroffene noch zur Zeit der
Ausreise auf Deutsch bzw. in einem
russland- deutschen Dialekt über Sachverhalte des täglichen Lebens ein Gespräch
in zusammenhängenden Sätzen führen kann.
Obwohl etwa
300.000 Russlanddeutsche in der
zaristischen Armee dienten, erreichte der Hass gegen alles Deutsche in Russland
bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen Höhepunkt.
In der Öffentlichkeit durfte nur noch hinter
vorgehaltener Hand deutsch gesprochen werden, Predigten in deutscher Sprache
wurden verboten. In der Schule wurde Deutsch zur feindlichen Fremdsprache,
öffentlich durften sich nicht mehr als drei Deutsche versammeln, usw..
In Moskau entlud sich die Hetze am 27. Mai 1915 in einem Pogrom gegen Deutsche.
Drei Deutsche wurden ermordet, deutsche Geschäfte geplündert.
Schlimm wirkten sich auch die so genannten Liquidationsgesetze vom 2. Februar
und 13. Dezember 1915 aus. Sie bestimmten, das in einem Streifen von 150
Kilometern östlich der russischen Westgrenze und am Schwarzen Meer allen
Deutschen das unbewegliche Vermögen zu enteignen sei und die Deutschen aus
dieser Zone auszusiedeln seien. Durchgeführt wurden die Gesetze bis zur
bürgerlichen Februarrevolution im März 1917 allerdings nur in Wolhynien. Rund
150.000 Wolhyniendeutsche mussten den Weg in den Osten, also Richtung Sibirien
antreten, der sie bis nach Perm an der Kama und Taschkent in Mittelasien
führte.
Weitaus
verhängnisvoller als der Erste Weltkrieg war für die Russlanddeutschen jedoch
der Zweite Weltkrieg, durch den der deutschen Minderheit unter den vielen Völkern
der Sowjetunion der Todesstoß versetzt wurde.
Zu den
"ungeliebten" Völkern der damaligen Sowjetunion zählten die
Russlanddeutschen spätestens seit dem Feldzug Hitlers gegen die Sowjetunion,
der am 22. Juni 1941 unter dem Decknamen "Barbarossa" begann.
Das größte Problem der Deutschen in Russland war spätestens seit 1937 die
Trennung der Familien.
Vater, Bruder und
erwachsene Söhne waren von den Organen des sog
„Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten“ bei Nacht und Nebel abgeholt
worden und nicht mehr zurückgekehrt (über die unzähligen Opfer, die das
Stalin-Regime bereits in den Jahren 1937 und 1938 forderte berichtet
ausführlich das Ende 2002 erscheinende Heimatbuch der Landsmannschaft der
Russlanddeutschen).
Bis zum 28. August 1941 hatten Hitlers Truppen bereits den Teil der Sowjetunion
überrollt, in dem ein Viertel aller Russlanddeutschen lebten.
Deren anschließendes Schicksal war:
zwei Jahre relativer Ruhe,
eineinhalb Jahre Flucht ins damalige Deutsche Reich,
dann Rückführung durch die vorrückende Rote Armee in die Sowjetunion, wo sie das Schicksal jener 75 Prozent von Russlanddeutschen teilten, die 1941 nicht von der Deutschen Wehrmacht erfasst, sondern von der Sowjetmacht verschleppt worden waren.
Dieses
gemeinsame Schicksal aber bedeutete Meldepflicht bei der Kommandantur,
Zwangsarbeit und
meist den Tod.
Nach dem Willen
des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 28. August 1941 wurden 376.717 Wolgadeutsche
"ganz legal" in Güter- und Viehwaggons verfrachtet und nach Sibiren
zwangsumgesiedelt. Schon zuvor waren zahlreiche Russlanddeutsche, die in
kleineren geschlossenen Siedlungsgebieten lebten, ohne großes Aufsehen nach
Sibirien, Kasachstan oder Mittelasien deportiert worden, allein 45.000 von der Krim.
Dort mussten zuerst die Männer zwischen 17 und 50 Jahren zur so genannten
Trudarmee. Am 7. Oktober 1942 wurde mit dem Beschluss des Staatlichen
Verteidigungskomitees über die zusätzliche Mobilisierung deutscher Männer
zwischen 16 und 55 Jahren sowie deutscher Frauen zwischen 16 und 45 Jahren
(sofern sie nicht schwanger waren oder Kinder unter drei Jahren hatten) der
Kreis der Trudarmisten erheblich erweitert. Auf Grund zahlreicher Berichte von
Überlebenden ist davon auszugehen, dass diese Altersgrenzen oft nicht
eingehalten wurden.
"Trudarmee"
heißt wörtlich übersetzt "Arbeitsarmee". In Wirklichkeit handelte es
sich um Zwangsarbeitslager, die scharf bewacht wurden und oft von hohen
Stacheldrahtzäunen umgeben waren. Die Verhältnisse, unter denen die
Trudarmisten arbeiteten, glichen den Verhältnissen in Strafgefangenenlagern.
Auf dem Weg zur Arbeit wurden die Männer und Frauen von Soldaten begleitet, die
den strikten Befehl hatten, beim geringsten Verdacht sofort von der Schusswaffe
Gebrauch zu machen. Im Lager herrschte eine völlige Willkür der Vorgesetzten
aller Dienstgrade. Unter unwürdigen Bedingungen zusammengepfercht, starben die
Trudarmisten massenweise vor Hunger, Kälte, Schwerstarbeit und Verzweiflung.
Viele Jahre lang wurde über die Russlanddeutschen weder in Zeitungen,
Zeitschriften und Büchern geschrieben noch in Reden und Sendungen von ihnen
gesprochen. Obwohl sie zahlenmäßig unter den Völkern der Sowjetunion den 13.
Platz einnahmen, wurden sie in der Sowjetischen Enzyklopädie 1964 nicht einmal
erwähnt. Drei Monate nach dem Besuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad
Adenauer in Moskau im September 1955 wurde zwar die Kommandantur aufgehoben,
die Russlanddeutschen mussten aber eine Erklärung unterschreiben, die ihnen
verbot, in ihre Heimatorte zurückzukehren, und jeglichen Anspruch auf ihr
konfisziertes Vermögen untersagte.
.
Unter den Deutschen in der Sowjetunion gab es ab 1955 zwei politische
Bewegungen. Am Anfang standen Bemühungen, in die Heimatorte zurückkehren zu
dürfen, und als diese Bemühungen nicht fruchteten, Ausreisebestrebungen nach
Deutschland.
Das waren in der Regel Schwarzmeerdeutsche, die Verwandte in der Bundesrepublik
Deutschland
(oder auch schon in Amerika) hatten. Organisierte Aktionen in diese Richtung
blieben jedoch bis zur
Regierungszeit Gorbatschows in den 80er Jahren nicht ungefährlich.
Die zweite Bewegung war die Schiene der Autonomiebewegung, auf der hauptsächlich
Russlanddeutsche fuhren, die keine Verwandten im Westen hatten und deshalb eine
Heimat in der Sowjetunion suchten, am liebsten an der Wolga, was jedoch am
entschiedenen "Njet!" aus den oberen, mittleren und unteren Etagen
der sowjetischen Hierarchie immer wieder scheiterte.
Am 29. August 1964
verabschiedete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Beschluss über
die Abänderung des eigenen Erlasses vom 28. August 1941 "Über die
Umsiedlung der Wolgadeutschen". Dieser Beschluss nahm zwar von den
Russlanddeutschen den Makel des Verrats, war jedoch nur eine formale Rehabilitierung. Auch nach 1964 mussten die Russlanddeutschen
in ihren Vertreibunggebieten bleiben.
Noch bis in die 80er Jahre lastete auf ihnen
das moralische Erbe des deutschen Angriffskrieges und die Last der deutschen
Kapitulation. Die wenigen Sendungen in deutscher Sprache in Rundfunk und
Fernsehen hatten nach einem strengen prosowjetischen Ritual abzulaufen. Der
muttersprachliche Unterricht schließlich konnte sich niemals von den
Schwierigkeiten lösen, die durch fehlende Lehrer und Lehrbücher entstanden.
Auf politischem Sektor hat die Bundesrepublik in den letzten 30 Jahren vor
allem durch "stille" Diplomatie mehr getan, als bekannt wurde. Die
Versuche, sich für die Russlanddeutschen in Russland einzusetzen, scheiterten
aber bis Gorbatschows Glasnost und Perestrojka meistens an der sturen Position
des Kremls, der keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der
Sowjetunion duldete. Die Ausreise wurde mit der Begründung gedrosselt, man
brauche Russlanddeutsche dringend für den Aufbau, beispielsweise in Kasachstan.
In den Jahren
1973-1975 wurden in Moskau, Estland und Lettland Russlanddeutsche festgenommen,
die für die Ausreise nach Deutschland demonstrierten.
In Karaganda (Kasachstan) wurde Erich Abel in einem Aufsehen erregenden
Gerichtsprozess wegen seiner Beteiligung an einer Unterschriftenaktion für die
Ausreise und anderer "illegaler" Tätigkeiten zu drei Jahren Haft
verurteilt. Abel wurde zum bekanntesten Fall, und seine Schlussworte beim
Prozess gingen in die Geschichte ein: "Ich, Erich Abel, fühle mich nicht
schuldig. 29 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges ist die Zeit
gekommen, die Grenzen zu öffnen. Ich werde mich immer für eine gerechte und
freie Ausreise in die Bundesrepublik einsetzen."
Weniger bekannt wurden andere Verurteilungen zu hohen Gefängnisstrafen
wegen Ausreisebemühungen.
Eine zweite Verhaftungswelle folgte in den 80er Jahren, vor dem Amtsantritt
Gorbatschows.
Beim Deutschen
Roten Kreuz stapelten sich die Ausreiseanträge zu Hunderttausenden. Wer die
Erlaubnis zur Ausreise erhielt, war überglücklich. Für ihr Traumziel Deutschland
setzten die Ausreisenden Vieles aufs Spiel: mit dem öffentlich geäußerten
Ausreisewunsch begann für sie nämlich in den Jahren bis 1987 die Hölle:
Arbeitsplatzverlust, Schikanen im Betrieb und in der Schule, Verbot, sich
polizeilich an einem anderen Ort anzumelden, Hausdurchsuchungen und
Verhaftungen, Diskriminierungen bei Behördengängen usw.
In den meisten Fällen wurden die Ausreisegesuche ohne Begründung abgelehnt.
Ausreisewillige waren den sowjetischen Behörden wehrlos ausgeliefert, obwohl
sie sich auf sowjetische Gesetze, auf die Charta der Menschenrechte, auf die Beschlüsse
von Helsinki und auf den von der UNO verabschiedeten und auch von der
Sowjetunion unterschriebenen und ratifizierten "Internationalen Pakt über
bürgerliche und politische Rechte" von 1966 berufen konnten.
.Manche wagten es, öffentlich gegen diese Willkür zu demonstrieren, sogar auf
dem Roten Platz in Moskau vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wie am 31. März
1980 geschehen. Die Miliz führte die Demonstranten ab, die internationalen
Medien nahmen es zur Kenntnis, aber die Lage blieb die gleiche.
Sie änderte sich erst mit dem Gesetz über die Neuregelung der Aus- und Einreise
in der Sowjetunion vom 11. Januar 1987.
Zwar durften auch nach diesem Gesetz zunächst nur Verwandte ersten Grades im
Zuge der Familienzusammen- führung kommen, aber die Genehmigungspraxis
wurde liberaler und großzügiger gehandhabt.
"Zwar geht es
den Russlanddeutschen durch die seit 1992 bestehende Zusammenarbeit der deutsch
russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der russlanddeutschen
Minderheit heute besser als früher, doch wirkt die Benachteiligung der
Russlanddeutschen bis heute nach und an eine Rückkehr in eigene Häuser und
Dörfer ist nicht zu denken.
Sie wandern aus.
Warum?
Eine einfache
Beantwortung dieser Frage wäre: "Um
als Deutsche unter Deutschen leben zu können."
Das ursprüngliche Ziel,
dort wieder russlanddeutsche Siedlungen entstehen zu lassen, wo vor dem Krieg
die meisten Deutschen gelebt hatten, ist nicht mehr realistisch. Es hat sich
nämlich gezeigt, dass gerade in diesen Gebieten die Hindernisse für die
ehemaligen Besitzer heute am größten sind. Im ehemalig wirtschaftlich blühenden
Schwarzmeergebiet und anderen Gebieten werden die ehemaligen deutschen Dörferer
längst von anderen Menschen bewohnt.
Bleibt für Russlanddeutsche also wirklich nur die Rückkehr nach Deutschland?
Aus dem asiatischen Teil der ehemaligen Sowjetunion wandern nicht nur Deutsche
aus, sondern auch viele Angehörige anderer europäischer Völker. Das trifft in
besonders starkem Maße auf Mittelasien und Kasachstan zu. Von dort wollen
zwangsumgesiedelte Russen nach Russland
zurück und Ukrainer in die Ukraine- aber wohin mit den Deutschen, die man vor
Jahrzehnten nicht ausreisen ließ., weil man sie
brauchte, um Traktoren zu lenken, Kühe zu melken und Neuland zu erschließen?
Heute leben in 22 der
ehemaligen Ostblockstaaten noch ca. 2
Mio. Angehörige deutscher Minderheiten.
Der größte Teil von ihnen lebt in der Russischen Föderation und in Polen,
andere leben in großerer Zahl in Kasachstan, in Ungarn, in Rumänien und in der
Tschechischen Republik.
Nach der politischen Wende in Osteuropa und der Sowjetunion 1989/90 hat sich
die politische und rechtliche Situation der deutschen Minderheiten deutlich
verbessert. Allerdings hat sich ihre Lage in Abhängigkeit von den politischen
und wirtschaftlichen Veränderungen in den einzelnen Ländern sehr
unterschiedlich entwickelt. Die
Deutschen in einigen europäischen Herkunftsstaaten leben in relativ stabilen
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen, wie beispielsweise in
Polen, in Tschechien und in Ungarn, wo sie deswegen auch bleiben können und
wollen.
Demgegenüber hält aus Russland und den übrigen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wegen der bekannten schwierigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Aussiedlung an.
Die
Bundesregierung unterstützt dort die deutschen Minderheiten seit 1998 mit
verschiedenen gezielten Bleibehilfen, durch die sie in die Lage versetzt werden
sollen, als eigenverantwortliche Staatsbürger ihres Landes an dessen Aufbau
mitzuwirken und aktiv an den Bindungen zu Deutschland teilzuhaben. Die
Maßnahmen sollen als "Hilfe zur Selbsthilfe" wirken und den Menschen
unmittelbar zugute kommen.
Die gemeinschaftsfördernden Maßnahmen des Bundesinnenministeriums beinhalten
folgende wesentliche Elemente: Begegnungsstättenförderung, außerschulischer
deutscher Sprachunterricht (in Russland und Kasachstan) und Förderung der
Selbstorganisation der Deutschen.
Ein wichtiges Feld der Hilfenpolitik besteht
in der Forderung bestehender oder noch zu schaffender Städtepartnerschaften.
Schon heute gibt es über 1.000 davon. Bei vielen liegt die Partnerstadt in
Siedlungsgebieten deutscher Minderheiten, umgekehrt sind in vielen deutschen
Kommunen zahlreiche Aussiedler heimisch geworden.
Z.B. Kasachstan: Kaschstan gehört neben der Russischen Föderation zu den Schwerpunkten der
regionalen Förderung durch die Bundesregierung.
Trotz zahlreicher Meldungen über den Druck, dem alle Europäer dort ausgesetzt
sind, unterstützt der "Rat der Deutschen in Kasachstan" mutig die
Schaffung eines demokratischen kasachischen Staates, die Fortsetzung der
Wirtschaftsreform und die Verteidigung der Freiheit und der Rechte seiner
Bewohner.
Als Dank "von oben" wurde 1997 das Deutsche Haus in Almaty von der
Regierung unterstützt; am 27. Juni 1999 und am 27. August 2000 wurden in der neuen
Hauptstadt des Landes, Astana, bzw. in Pawlodar christliche Kirchen eingeweiht.
Ein besonderer Höhepunkt im Leben der Deutschen in Kasachstan waren die Worte,
die Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch im Jahr 2001 an sie richtete :
Trotz aller
Bemühungen der Bundesregierung, Aussiedlern in ihren momentanen Heimatstaaten
die Bedingungen zu erleichtern, ist der einzige Wunsch vieler von ihnen,
endlich in die Bundesrepublick ausreisen zu dürfen. Zu sehr hängt ihnen die
Zeit extremer Unterdrückung nach, eine Chancengleichheit erfahren sie bis heute
nicht. Doch die Rückführung nach Deutschland bringt leider nicht nur Positives,
sondern auch Negatives mit sich:
Die Integration
der Spätaussiedler ist trotz zurückgegangener Zuzugszahlen erheblich
schwieriger geworden. Das hat verschiedene Ursachen:
- Die Deutschkenntnisse der heutigen Aussiedler sind geringer als früher.
- Der kulturelle Abstand zur einheimischen Bevölkerung ist wegen der zunehmenden
Zahl gemischtnationaler Familien
aus Russland und Mittelasien größer geworden.
- Die Chancen, eine wunschgemäße Beschäftigung zu bekommen, haben sich
angesichts der generellen Probleme auf
dem Arbeitsmarkt und in Teilbereichen unserer Wirtschaft eher verschlechtert.
- Wohngebiete mit besonders hohem Aussiedleranteil sind oftmals zu sozialen
Brennpunkten geworden und erschweren die Integration.
Integration ist
keine einseitige Angelegenheit und auch kein Prozess von ein paar Jahren, eine
vollständige Integration kann Jahrzehnte andauern und gelingt nur, wenn die
Integration von beiden Seiten gewollt wird. Deutsche aus Russland wollen die
Integration!
Darin liegt ein bedeutender Unterschied zwischen deutschen Spätaussiedlern und
manchen nichtdeutschen Einwanderern. Die meisten russlanddeutschen Aussiedler
brennen geradezu darauf, endlich gleichberechtigte Bürger zu werden und nicht
nur Deutsche nach dem Buchstaben des Gesetzes zu sein. Dabei geraten sie in ein
brisantes Spannungsfeld: Sie merken, dass ihre Akzeptanz bei der hiesigen
Bevölkerung eher gesunken ist.
Im März 2002
lautete der Grundtenor der deutschen Integrationspolitik wie folgt:
- Sprachförderung
in Form von Sprachkursen.
- Soziale
Beratung und Betreuung durch ein bundesweites Netz von Einrichtungen.
-
Berufliche
Integration. (Sofortprogramm der Bundesregierung zum Abbau der
Jugendarbeitslosigkeit kommt auch jungen Aussiedlern zugute, die an diesem
Programm teilhaben.)
- Gesellschaftliche
Integration (durch zentrale Organisationen und Verbände).
Altersstruktur der
Aussiedler (in Prozent)
|
Altersgruppe
bis unter 6 |
1997
7,36% |
1999
6,85% |
2001
6,99% |
Ges.-Bev. Ende 1998
5,80% |
|
6 bis unter 18 |
24,96% |
23,91% |
22,11% |
13,41% |
|
18 bis unter 20 |
3,65% |
3,83% |
4,14% |
2,24% |
|
20 bis unter 25 |
8,64% |
9,53% |
10,10% |
5,45% |
|
25 bis unter 45 |
32,42% |
32,62% |
32,35% |
31,41% |
|
45 bis unter 60 |
12,11% |
12,59% |
14,03% |
19,32% |
|
60 bis unter 65 |
3,57% |
3,88% |
3,99% |
6,45% |
|
65 und alter |
7,28% |
6,78% |
6,29% |
15,92% |
Quelle: Bundesverwaltungsamt
Die
nach Deutschland kommenden russlanddeutschen Aussiedler sind im Durchschnitt
weitaus junger als die einheimische Bevölkerung.
Rechtliche Positionen der Spätaussiedler
Deutsche Volkszugehörige aus den
Aussiedlungsgebieten können dann in Deutschland aufgenommen werden, wenn sie
nach einem Verfahren beim Bundesverwaltungsamt als Spätaussiedler anerkannt
werden. Die rechtlichen Voraussetzungen sollen an dieser Stelle kurz
dargestellt werden, da es oft zu Irrtümern kommt.
Deutsche
Volkszugehörigkeit setzt für vor dem 31. Dezember 1923 geborene Personen voraus, dass
sie sich in ihrer Heimat zum deutschen Volkstum bekannt haben und dass dieses
Bekenntnis durch Merkmale wie Abstammung, Sprache, Erziehung oder Kultur
bestätigt wird.
Wer nach dem 31. Dezember 1923 geboren ist, ist nur dann deutscher
Volkszugehöriger im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes, wenn er von einem
deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen abstammt. Außerdem
wird überprüft, dass der Betroffene noch zur Zeit der Aussiedlung in der Lage
ist, zumindest ein einfaches Gespräch auf Deutsch zu führen.
Sind die gesetzlichen Voraussetzungen für die Aufnahme als Spataussiedler erfüllt,
wird im Aufnahmeverfahren ein Aufnahmebescheid erteilt.
Ehegatten und Abkömmlinge von
Spataussiedlerbewerbern können in deren Aufnahmebescheid einbezogen werden. Mit
Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes (1.1.2003) ist eine Aufnahme durch Einbeziehung
außerdem nur noch dann zulässig, wenn die einzubeziehende Person ausreichende
deutsche Sprachkenntnisse besitzt. (Von denjenigen, die keine ausreichenden
Deutschkenntnisse nachweisen, können im Ergebnis nur noch die Ehegatten und die
minderjährigen ledigen Kinder von Spataussiedlern - nach Ausländerrecht - nach
Deutschland kommen.)
Als immer
größeres Hindernis bei der Ausreise
erweisen sich die für Spätaussiedler obligatorischen Sprachtests der
Bundesregierung, was durch die nachstehende Tabelle deutlich belegt wird:
Ergebnisse der
Sprachtests für Spataussiedler (1996-2001)
Jahr
bestandene
Sprachtests
nicht bestandene Sprachtests
1996/97
33.511 = 64,10%
18.771 = 35,90%
1998
30.064 =
58,25%
21.544 = 41,75%
1999
10.297 =
52,06%
9.482 = 47,94%
2000
14.977 =
46,46%
17.259 = 53,54%
2001
19.102 = 46,15%
22.285 = 53,85%
Quelle: Bundesverwaltungsamt
Die Spätaussiedler
aus der ehemaligen UdSSR und ihre rechtmäßig mit einreisenden Angehörigen
erhalten nach der Einreise in der Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes in
Friedland einen Pauschalbetrag von 102 € zur Erstattung ihrer Reisekosten
(Rückführungskostenpauschale) und ein Betreuungsgeld in Höhe von 11 € für ihre ersten
notwendigen Auslagen.
Weitere Leistungen speziell für Spätaussiedler
werden nicht gewährt. Sie erhalten etwaige soziale Hilfen, sei es beispielsweise
bei der Wohnungsfürsorge oder beim Hausbau exakt unter den gleichen
Voraussetzungen wie Einheimische.
Oder: Aussiedler profitieren im selben Umfang wie Einheimische von
Beschäftigungsinitiativen vor Ort, zum Beispiel dem Sofortprogramm der
Bundesregierung zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit.
Eine Bevorzugung
der Spätaussiedler gegenüber der einheimischen Bevölkerung gibt es daher nicht.
Wenn man darüber
hinaus bedenkt, dass Spätaussiedler zu uns kommen, die weder Immobilien- und sonstige
Besitze mitbringen können, noch größere Geldbeträge bei der Abreise ausführen dürfen, wird deutlich, dass diese
Menschen einen arbeitssamen und mutigen Start ohne große Starthilfen nicht
scheuen! Großer Fleiß und extrem ausge-prägter Familien- und Nachbarschaftssinn
machen ihnen indes Bauvorhaben mit normalen Bankkrediten möglich. Ein Blick auf
die Sozialversicherungsbilanz beweist außerdem, dass alle eingebürgerten
Aussiedler von 1995-2000 49,6
Milliarden DM mehr eingezahlt, als sie daraus entnommen haben.
1. Die deutsche Sprache muss in kürzester Zeit in Wort und Schrift gut beherrscht werden!
2. Das Berufsleben erfordert eine Fachsprache, die auch beherrscht werden muss!
3. Man muss bereit sein, zunächst in einem verwandten Beruf unterhalb der eigenen Qualifikation einzusteigen!
4. Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sollten so gut es geht genutzt werden!
5. Man sollte sich gründlich über die wirtschaftliche und politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland informieren.
6. Weiterkommen in der neuen Heimat erfordert Kreativität und Flexibilität!
7.
Man sollte sich in demokratische Institutionen und
Organisationen einbringen, z.B. kirchliche Organisationen, Elternvertretungen in Schulen und
Kindergärten, Sportvereine und
vor allem auch Musik- und andere Kulturvereine.
8. Aktive Teilnahme an Heimatfesten, Tanzveranstaltungen, Vorträgen und Wanderungen.
9.
Keine Verleugnung der Volksgruppenzugehörigkeit,
sondern Mut zur Aufklärung über den „Schicksalsweg“ der Aussiedlerdeutschen.
10. Bei Diskussionen auch in aller Ruhe die Argumente der Atbürger anhören und Verständnis für deren Probleme
bzw. Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft bei der Aufnahme von mehr als 200 000 Deutschen aus dem Osten pro Jahr zeigen. (Diese Zahl stammt aus dem Jahr 1994, kurz nach dem Umbruch. Inzwischen sind die Aussiedlerzahlen kontinuierlich zurückgegangen!)
Quellenangabe:
1. Volk auf dem Weg: Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1763-1986,
Kulturrat der Deutschen aus Russland, Stuttgart, 1986
2. „Die Zone der totalen Ruhe“, Kurzbericht,Willfried Böhm, über die gleichlautende Buchneuerscheinung:
„Zone der totalen Ruhe“. Die
Russlanddeutschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, Gerhard Wolter, Waldemar
Weber Verlag, Augsburg, 2003